Als ich wieder angefangen habe intensiv zu lesen, musste ich in den Lese-Modus zurückfinden und mein Gefühl für Literatur reaktivieren. Durch mein Studium hatte ich viel Literaturtheorie und „Weltliteratur“ gelesen – Texte, die mich inspiriert, gefordert und gebildet haben, gleichzeitig aber Pflichtlektüre waren. Das freizeitliche Lesen ist dadurch sehr in den Hintergrund gerückt. Erst durch meine Zeit als Buchhändlerin habe ich meine Begeisterung für gute Geschichten aufgefrischt und die Bereicherung gespürt, die mir Bücher geben – ich habe das Lesen ganz anders für mich wieder entdeckt und neue Eindrücke gewonnen. Es war im Studium eine Leidenschaft, die Leiden schafft und für mich lange Zeit auch mit Unzulänglichkeit in Verbindung stand. Oft hatte ich die Auffassung nicht belesen genug zu sein, zu wenig Literatur zu kennen und nicht genug zu verstehen, was manche Werke bedeuten. Ich habe mich selbst sehr unter Druck gesetzt, was dazu führte, dass ich wie eingefroren war und Leseflauten hatte – einfach nur, weil mich die schiere Menge an ungelesenen Büchern in eine Starre verfallen ließ. Erst nach und nach konnte ich mir selber zugestehen, dass es okay ist bei vielen Bücher zu sagen „Nein, das kenne ich nicht“ und „Nein, das habe ich noch nicht gelesen” ohne Schuldgefühle und Peer-Pressure zu bekommen.

Diese Auffassung, die mich als Studentin begleitet hat, konnte ich durch das Kennenlernen der Buchbranche ablegen und haben zu dem Zugeständnis geführt, nicht alles gelesen haben zu müssen.
Jeden Tag erscheinen an die 200 neue Bücher – wie soll mensch die alle lesen? Es ist schlicht unmöglich! Viel wichtiger und schöner ist der Austausch über Bücher und das zuletzt Gelesene, denn das macht das Vermitteln von Literatur und das Erweitern der eigenen Leseerfahrung aus! Auch wenn in den sozialen Medien die Tendenz dahin geht, dass viele der Bookstagrammer*innen und Booktoker*innen sich damit profilieren, wie viele Bücher sie im Monat und im ganzen Jahr gelesen haben. Ich blicke mittlerweile auf meinen Stapel ungelesener Bücher und denke mir „Was für ein Glück, eine so große Auswahl an Büchern zu haben, die ich noch nicht gelesen habe…“

„Der Bücherwurm“ – Hermann Fenner-Behmer

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