Der Mai fing euphorisch an – ich hatte mein Praktikum abgeschlossen und startete mit neuem Wissen und Elan in die Sommermonate. Jetzt würde ich durchstarten! Ich setzte mich motiviert an den Schreibtisch und schickte Bewerbungen raus. Auch meine Laufroutine hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt optimistisch und organisiert etabliert, sodass dem fortschreitenden Training nichts im Wege stand. Die erste Woche trug mich dieses Hoch noch gut…doch dann kamen keine Rückmeldungen auf meine Bewerbungen, ich fand kaum passende Stellen und langsam beschlich mich das bedrückende Gefühl, auf der Stelle zu treten und mich ergebnislos abzumühen. So erging es mir auch beim Laufen. Meine mentale Verfassung hatte einen riesigen Einfluss auf meine Kondition und das Durchhaltevermögen. Die Runden wurden zäher und das Ausbauen der Streckenlänge quälend kleinschrittig. Mein Körper signalisierte mir, dass er nicht in der Verfassung ist für Höchstleistung. Und dann schmerzte das vorbelastete Knie und nach einem spontanen Sprint durch den Hauptbahnhof, hustete ich mir fast die Lunge aus dem Hals – eine ausgewachsene Sommergrippe bahnte sich an und ich spürte wie sich die Anzeichen über zwei Wochen anschlichen und vor sich hin schwelten. Und schließlich endete ich schniefend und schnäuzend im Bett.

Dennoch gab es kleine Lichtmomente in diesen herausfordernden Wochen. Der Sonnenuntergang am Ammersee hob die Stimmung maßgeblich und bestätigte wieder, wie viel es hilft rauszugehen und sich in der Natur aufzuhalten. Die passende Lektüre dazu war „Geflochtenes Süßgras“ von
Robin Wall Kimmerer. Darin wird ganz deutlich, wie kleinteilig Biotope funktionieren, welches Zusammenwirken zwischen Pflanzen, Insekten, Tiere und Menschen besteht und wie wichtig die Wertschätzung für jedes einzelne Lebewesen und jedes Grashalm ist.

Geschenkökonomie und Liebe

Als Ökologin und Mitglied der „Citizen Potawatomi“, einer indigenen Nation Nordamerikas, verbindet Robin Wall Kimmerer in ihrem Buch traditionelle Kenntnisse aus den Sagen ihres Stammes mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Mit erzählerischen Elementen aus ihrem Leben, von ihrer Familie und Freund*innen, verknüpft sie Fakten und Forschung zu ökologischen und biologischen Themen. Eine wärmende Geschichte, die mythischen Weisheiten Raum gibt und sie überliefert als auch fundiertes Wissen zu Flora und Fauna vermittelt. Vor allem die Ausführungen zur Geschenkökonomie und der Liebe zwischen Mensch und Natur haben mich fasziniert: Die Gaben der Natur als Geschenk sehen, das wir weitergeben können, und als Liebeserklärung wahrnehmen von den Pflanzen an die Menschen. Das sind Sichtweisen, die ich als sehr inspirierend, wertschätzend und dankbar empfinde, vor allem in Hinsicht darauf, dass sie auf Gegenseitigkeit beruhen. Wir hegen unsere Beete, gießen und düngen sie, und zurück bekommen wir Liebe in Form von Blüten und Früchten. Eine so simple wie lebensnotwendige Verbindung, die wir pflegen müssen – auch um menschlich miteinander umzugehen. Dass eine Lektion oder Erkenntnis wie diese längst überfällig ist, zeigte mir auch die Lektüre von „Die Zukunft ist nicht-binär“. Denn wie sehr unser menschliches Miteinander bedroht ist, führt Lydia Meyer an drastischen Beispielen an. Der Hass, der auf politischer wie wissenschaftlicher Ebene gegen queere Menschen besteht, ist schockierend. Und noch schockierender ist, wie viel davon auf strukturellen Gründen beruht. Wie viele Menschen es nicht schaffen, ihre eigenen Verhaltensweisen zu reflektieren, zu hinterfragen und schließlich zu durchbrechen. Das Paradox der „Cancelculture“, von der behauptet wird, vor allem linke und „woke“ Menschen würden sie praktizieren. Das „Canceln“ von Personen, die bestimmte Äußerungen tätigen und dafür sofort geächtet werden – bei denen es sich jedoch um rassistische, ableistische oder sexistische Aussagen handelt. Wer cancelt also wen? Meyer macht diese schwierigen Dynamiken anschaulich und gibt Beispiele von Personen, die gezielt gegen Menschen hetzen, die nicht der „Norm“ entsprechen. Ein Plädoyer dafür, nicht in Schubladen und schwarz-weiß Kategorien zu denken, sondern in allen Farben des Regenbogens und outside the box.

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